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Zur Eröffnung der Ballinstadt: Auswanderung aus Hamburg 1939 - "Los barcos de la Esperanza"

Von Rüdiger Buchholtz

Diesen Artikel stellen wir aus gegebenem Anlass nochmals online, die Originalfassung erschien im Jahr 2004 unter dem Titel "Auswanderer-Hafen Hamburg 1939: 'Los barcos de la Esperanza' - Die Schiffe der Hoffnung".

1. Einleitung: Ballinstadt / Hamburg Emigration Center

Die Hansestadt beabsichtigt das Projekt zur Rekonstruktion der von dem HAPAG-Reeder Albert Ballin 1906 fertiggestellten Auswanderer-Hallen, mit 3,75 Millionen Euro zu fördern. Ab 2006 soll das geplante Hamburg Emigration Center (jetzt: Ballinstadt) auf der Veddel eine "Erlebnis-Ausstellung" für jährlich 200.000 Besucher präsentieren. Das Ausstellungskonzept thematisiert zwar den Antisemitismus und Progrome in Russland, die seit Ende des 19. Jahrhunderts zur Auswanderung von ca. 1 Million Juden vor allem in die USA aber auch nach Lateinamerika über den Hamburger Hafen führten.

Verschwiegen wird aber der deutsche Antisemitismus, der in den dreißiger Jahren zu einer erneuten Auswanderung, diesmal vor allem deutscher Juden, über Hamburg führte. Auswanderungsziele waren erneut die Länder der westlichen Hemisphäre, sowie das britische Mandatsgebiet Palästina, für das sich vor allem zionistische Organisationen stark machten. Mit zunehmender Abschottung der Aufnahmeländer gegenüber Flüchtlingen gab es auch Auswanderungsbemühungen nach weit entfernten Gebieten wie Südafrika oder Ostasien. In diesem Zusammenhang erscheint die Begrenzung des geplanten Museums auf den Zeitraum bis 1934 nicht nachvollziehbar; die Nürnberger Rassegesetze von 1935 sowie die Reichsprogromnacht von 1938 erhöhten jeweils den Vertreibungsdruck noch einmal erheblich für die Juden. Eine Darstellung der Situation in den Aufnahmeländern sucht man bislang noch vergeblich auf der Website des Projekts. Die wirtschaftliche Situation eines Landes sowie die Reaktionen der Bevölkerung auf die Flüchtlinge, spielten aber eine erhebliche Rolle für eine Aufnahme-Chance.

Ebenfalls auf den Darstellungszeitraum bis 1934 beschränkt sich das Projekt "Link-to-your-roots", das Passagierlisten der Auswandererschiffe digitalisiert und künftig als "Forschungsprojekt" (so der Text des Ausstellungskonzeptes) Teil des neuen Museums wird. Spätere Jahrgänge der Passagierlisten wurden durch den Krieg vernichtet. Allerdings könnten die Passagiernamen rekonstruiert werden anhand der Akten der Hamburger Oberfinanzdirektion, die die Juden bei der Ausreise ausplünderte. Diese Akten lagern im Hamburger Staatsarchiv, darüber hinaus lassen sich - wie hier am Beispiel von Hamburger Flüchtlingsschiffen in Lateinamerika gezeigt wird - auch andere Quellen erschließen.

Museen sind Gedächtnisorte in denen sich das historische und kulturelle Selbstverständnis einer Stadt ausdrückt. Die folgenden Kapitel sind daher ein Plädoyer für eine andere Ausstellungs-Konzeption, die die Hintergründe deutscher und insbesondere Hamburger Geschichte nicht ignoriert. Die Wechselwirkungen zwischen steigendem Vertreibungsdruck und Auswandererzahlen sowie zunehmender Tendenz zur Abschottung der Aufnahmeländer gegenüber Immigranten und den teilweise dramatischen Ereignissen an Bord der Emigrantenschiffe Ende der dreißiger Jahre werden hierbei berücksichtigt.

 

2. Lateinamerika als Ziel von Hamburger Flüchtlingsschiffen

Die Geschichte der Flüchtlingsschiffe und ihrer Passagiere, die in dreißiger Jahren aus Europa kommend Häfen in Übersee anliefen, und die Rolle der beteiligten NS-Staats- und Parteiinstitutionen ist noch nicht systematisch erforscht worden. Lediglich wenige, besonders spektakuläre Fälle haben bislang ein in der Regel recht begrenztes Interesse gefunden. Die im 3. Kapitel geschilderte Irrfahrt der "Königstein" wird hier zum erstenmal in Deutschland publiziert. Tausende von Juden, die in den dreißiger Jahren - sei es durch Lobby-Arbeit jüdischer Hilfsorganisationen oder durch Bestechung von Diplomaten - an ausländische Visa gelangten, verließen Deutschland und Österreich um der Verfolgung zu entfliehen. Allerdings wurde dies dadurch erschwert, dass die europäischen Nachbarländer und die USA - an deren Flüchtlingspolitik sich die lateinamerikanischen Länder orientierten - zunehmend ihre Grenzen für jüdische Flüchtlinge schlossen. Neben dem traditionell in Lateinamerika verbreiteten katholischen Antijudaismus – unter den katholischen Königen Spaniens war 1492 nicht nur die Eroberung Amerikas, sondern auch die Vertreibung der sephardischen Juden aus Spanien eingeleitet worden – spielten auch nationalistische Strömungen eine gewisse Rolle.

Als Folge der Weltwirtschaftskrise von 1929, die zu einer Unterbrechung der Welthandelsströme führte, war es in Lateinamerika zu einer importsubstituierenden Industrialisierung gekommen. Ziel war es nun die neu geschaffenen Arbeitsplätze der eingesessenen Bevölkerung vorzubehalten. Lediglich zur Erschließung der dünn besiedelten Gebiete waren die Regierungen mitunter bereit landwirtschaftliche Kolonisten in größerer Zahl als Einwanderer zuzulassen. Deutsche und österreichische Juden waren in der Regel aber keine Bauern, sondern großstädtische Intellektuelle, Kaufleute oder gut ausgebildete Techniker und Handwerker, die zumeist mittellos – die finanzielle Unterstützung durch die jüdischen Hilfsorganisationen wurde nur für einige Wochen gezahlt - in den betreffenden Aufnahmeländern ankamen und zunächst als Hausierer oder einfache Arbeiter ihren Berufsweg begannen.

Passagierliste der "Königsstein" von 1938

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